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Waldkindergarten - Naturraumpädagogik - was ist das eigentlich?

Waldkindergarten 

 

Naturraumpädagogik - was ist das eigentlich? 

 

"Dreck macht Speck." 

 

Heutzutage fungiert „die Institution“ Wald nicht nur als reine Erholungsstätte, sondern besitzt auch wissenschaftlich belegte Heilqualitäten und dient als Lern- und Entfaltungsraum für neue Generationen. Dabei bietet der Wald als Erfahrungswelt vielfältige Möglichkeiten, alle Sinne gleichermaßen anzusprechen, ohne dabei durch ein Übermaß an Reizen zu überfordern. Natürliche Bewegungsabläufe anstatt Bewegungsmangel, spannende Entdeckungen anstatt funktionsbezogenes Spielzeug, sowie Ruhe und Frieden zum Ausgleich und zur Entspannung anstatt medienorientierte Reizüberflutung – all das kann man bei einem Aufenthalt im Wald erfahren. Und ganz nach der Prämisse „Kinder wollen in Ruhe groß werden“ bietet die Naturraumpädagogik einen adäquaten Ansatz, um Kinder ganzheitlich in ihrer Entwicklung zu festigen und zu unterstützen. Im Wald besteht die Möglichkeit, sich ausleben und sich selbst als kompetenten Menschen erleben zu können und nirgends sonst können körperlichen Grenzen so ausgetestet werden wie dort. Der Wald bietet den Kindern einen offenen Raum, der dennoch Grenzen bietet, und die Natur ist Lernort und Lernmedium zugleich, um ganzheitliche Bildungs- und Lernprozesse in Gang zu setzen.

 

Der Tagesablauf im Waldkindergarten beinhaltet strukturierte, wiederkehrende Rituale welche den Kindern Sicherheit und Orientierung bieten. Die Förderung und Festigung der Basiskompetenzen, des Bayrischen Bildungs- und Erziehungsplanes wie z.B. Werteorientierung und Religiosität, Emotionalität, soziale Beziehungen & Konflikte, Sprache und Literacy, Medien, Naturwissenschaft, Mathematik & Technik, Ästhetische, bildnerische & kulturelle Bildung, Musikalische Bildung, Bewegung & Gesundheit, finden auf kindgerechte Art und Weiße ihren Platz im Alltagsgeschehen. Gleichzeitig lässt der tägliche Ablauf im Wald aber großen Raum für eine aktive Freispielzeit, in welcher die Waldkinder kreativ, selbstbestimmt und nach ihren kindlichen Bedürfnissen in ihr eigenes Spiel eintauchen können. Ein Alleinstellungsmerkmal für die Waldpädagogik ist das freie Spiel, ohne vorgefertigtes Spielmaterial. Materialien aus der Natur sollen die jungen Entdecker in ihrer Fantasie und zum abstrakten Spielen anregen. Das Lernen geschieht bei uns im Waldkindergarten nicht durch „vorgefertigtes Lernen“, sondern durch individuelle und selbstständig entwickelte Lernprozesse. Da wird eine Matschpfütze schnell mal zur Hexenküche, ein Kiefernzapfen zum Telefon und ein großer, umgefallener Baumstamm zum Piratenschiff, das gefährliche Wendemanöver auf hoher See absolviert. -  Ich kann mich an zahlreiche Situationen erinnern, in denen ich einfach staunend im Wald vor den Kindern stand. Staunend, weil es so faszinierend ist was diese Kinder mit den einfachsten Materialien aus dem Ärmel zaubern. - Die Aktionen im Wald, ob Freispiel an der Waldhütte, am Bringplatz oder die Erkundung anderer Wald- und Wanderplätze in der näheren Umgebung usw., bieten vielfältige Situationen und Möglichkeiten ein großes Spektrum am Lernerfahrungen zu erleben. Durch den alltäglichen Ablauf und das ständige draußen sein findet ständig vernetztes Lernen in vielschichtiger Weise statt. 

 

Unser Bild vom Kind ist davon geprägt, dass wir dem Kind seinem Wunsch nach Geborgenheit, Wertschätzung und Raum für Individualität einen hohen Stellenwert einräumen. Das Kind soll sich sicher und angenommen fühlen, so dass es sich selbst und seine Umwelt im eigenen Tempo entdecken und erleben kann. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen kann es dann ansteckende Lebensfreude und innere Stabilität entwickeln, die für ein weiterführendes Leben von großer Bedeutung sind. Ebenso haben Kinder ein Recht auf einen wertschätzenden, liebevollen Umgang, damit sie im späteren Leben befähigt sind, durch ihre bereits in jungen Jahren selbst gemachten Erfahrungen, eben gleich zu handeln. Dabei ist uns wichtig, den Kindern zuhören zu können und ihre Ideen im Alltag partizipatorisch aufzugreifen. Das vermittelt dem Kind die Wichtigkeit der eigenen Persönlichkeit im Gruppengefüge. Denn jedes Kind ist ein Individuum mit Wünschen und Träumen, das da abgeholt werden soll, wo es steht. So sein zu dürfen wie man ist - egal ob groß oder klein, Tier oder Mensch - ist uns ein Anliegen, welches wir den Kindern im täglichen Umgang miteinander erfahren lassen möchten.

 

Wir arbeiten im Waldkindergarten nach dem situationsorientierten Ansatz – Stichwort: demokratischen Teilhabe. Themen und Projekte die die Kinder interessieren oder die durch natürliche Vorgänge entstehen (Orientierung am Jahreskreislauf) werden so erarbeitet. Dadurch besitzen die Kinder ein hohes Maß an Mitbestimmung, was sie in ihrer Selbständigkeit und Eigeninitiative stärkt, aber auch Selbstbestimmung und Unabhängigkeit fördert. Das setzt eine hohe Portion an gegenseitigem Vertrauen voraus, denn die Kinder können viele Vorzüge aus dieser Arbeitsweise für sich ziehen.

 

Diese Art der Wertschätzung spiegelt sich auch in der kontinuierlichen Arbeit mit den Wald-Eltern wieder. Ein gemeinschaftliches Miteinander, beidseitige Unterstützung und aktive Mitarbeit im Waldkindergarten Alltag schaffen Vertrauen und eine sichere Basis für eine gelingende Erziehungspartnerschaft.

 

Abschließend ist zu sagen:

 

„Was man als Kind geliebt hat, bleibt im Besitz des Herzens bis ins hohe Alter.“ (Khalil Gibran)

 

und wir hoffen doch, dass jedes einzelne Kind aus seiner Zeit bei uns im Waldkindergarten vieles mitnimmt, was ihm in seinem Leben hilft und stützt. Kinder zum verantwortungsvollen und schützenden Umgang mit der Natur zu erziehen ist ein Ziel mit weitreichender Tragweite. Jeder, der die Liebe zum Wald und zur Schöpfung um sich herum in der Kindheit entdeckt, kann später aktiv Maßnahmen zum Erhalt und zur Prävention seiner Umwelt ergreifen. Es ist demjenigen bewusst, was es heißt den Zauber der Langsamkeit, der Ruhe und der Geborgenheit zu spüren und kann so aus Ressourcen schöpfen, die eine gesunde Lebenseinstellung fördern.

 

Ich als Erzieherin und Leitung eines Waldkindergartens möchte zum Schluss noch kurz eine ganz persönliche Stellungnahme abgeben:

 

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Kaffeetrinken, ein bisschen mit den Kindern spielen und einen netten Ratsch mit der Kollegin im Wald– klingt nach nem super Job. Waldkindergarten ist nur was für Kinder, die sich drinnen nicht stillhalten können. Wo gehn die da eigentlich aufs Klo & da gibts ja gar keinen Zaun? Da tummeln sich doch eh nur Ökos, die hauptsache alles anders wie alle anderen machen wollen!

 

Leider stelle ich immer wieder fest, dass sich diese Klischees hartnäckig in den Köpfen der Gesellschaft halten. Eines ist klar: der Wald als Arbeitsplatz ist für mich persönlich, der schönste der Welt -  Kaffee ist auch eine tolle Sache - jedoch (Wald-)Erzieherin sein, ist meiner Meinung nach kein Beruf in dem man das große Geld verdient, gesellschaftlich hoch anerkannt wird und eine materiell-reiche Karriere macht, sondern eine Berufung. Diese Berufung lebt von viel Herzblut, Arrangement, Geduld und zahlreichen Glücksmomenten. Wer regelmäßig, intensiv Zeit mit Kindern verbringt, der kann ein Lied davon singen: Kinder rauben einem manchmal den letzten Nerv, betteln um grenzenlose Zuwendung, verlangen nach logischen Erklärungen, beanspruchen ein hohes Maß an Zeit und Aufmerksamkeit - jedoch bescheren sie einem auch die schönsten Momente. Diese so natürliche, unbedarfte Art, die selbstverständliche Fröhlichkeit, das blinde, grenzenlose Vertrauen, die ehrliche, positive Rückmeldung, versteckt in kleine Gesten - machen Kinder zu den wohl tollsten Bürgern unserer Erde. Sie halten uns einen Spiegel unseres Verhaltens vor und bringen uns dazu uns und unser tägliches Tun selbst zu reflektieren. Kinder können bewirken, dass wir auch mal über uns selbst und unser erwachsenes Denken lachen und zeigen uns auf, was wir schon lange verlernt haben – nämlich wir selbst zu sein.

 

Um nochmal auf das Vorurteil mit dem bestimmten Klientel zurück zu kommen - ich kann aus meiner ganz persönlichen Erfahrung sagen, dass es einfach wunderbare Familien & Kinder sind, die täglich ihren Weg zu uns in den Wald finden! Wertschätzung, Gemeinschaft und Menschlichkeit werden bei uns groß geschrieben & das alles macht es einem so einfach jeden Tag mit Freude & Begeisterung an die Sache ran zu gehen! Das "Big-Problem" mit dem Klo und dem Zaun sollte sich mit meinem ausführlichen Text von selbst erübrigt haben. Es ist wirklich schade, dass diese Vorurteile sich so hartnäckig in den gesellschaftlichen Köpfen & Mustern halten, denn Waldkindergarten ist so viel mehr als nur Matsch, lebensfrohe Kinder und vielleicht "etwas andere" Erzieherinnen & Erzieher ;) 

 

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mamas, Papas, Omas, Opas, Geschwister, Babysitter, Freunde und alle die zu der wichtigen Aufgabe „Erziehung“ beitragen, wir machen unseren Job verdammt gut! Die schnelllebige und leistungsorientierte Welt braucht Leute wie uns! Wir tragen gemeinsam dazu bei die wohl wichtigsten, kleinen Persönlichkeiten unserer Gesellschaft in eine erfolgreiche und Zufriedenheit bringende Zukunft zu begleiten – lassen wir uns dabei nicht entmutigen! Habt Mut diese Haltung, mit Stolz nach außen zu vertreten!

Und Liebe Männer: wir und die Kinder brauchen euch in Sachen Erziehung! 

 

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Danke! 

 

 

vgl. der Text enthält Auszüge aus der, von mir verfassten Konzeption des Waldkindergarten Sinzing

 

 ©goldportion 

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